Digitale Souveränität in der Schweiz: Der schrittweise Umstieg der Bundesverwaltung auf Open-Source-Lösungen
Die Schweizer Bundesverwaltung startet ein ambitioniertes Vorhaben, um ihre digitale Souveränität zu stärken und die Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen zu reduzieren. Im Kern steht die schrittweise Verlagerung von Microsoft-365 zu einer europäischen Open-Source-Plattform namens openDesk. Ein erstes Pilotprojekt mit 3 000 Arbeitsplätzen soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein und dient als Testlauf für eine mögliche Ausweitung auf die gesamten 54 000 Arbeitsplätze der Verwaltung.
Strategischer Rahmen und Zeitplan des Pilotprojekts
Die Machbarkeitsstudie PoC BOSS (Büroautomation mit Open-Source-Software) bildete die Grundlage für die offizielle Genehmigung durch den Bundesrat. Der strategische Rahmen sieht vor, dass das erweiterte Pilotprogramm bis Ende 2027 produktiv betrieben wird. Dabei liegt der Fokus auf kritischen Kernprozessen, die für die digitale Souveränität und Datensicherheit besonders relevant sind.
- Zielzeitraum für den produktiven Testbetrieb: Ende 2027 (geplant für 3 000 Nutzer)
- Zielgruppe der Pilotphase: Mitarbeitende in kritischen Kernprozessen
- Investitionsvolumen: rund 9 Millionen CHF (Sonderbudget des Parlaments)
- Gesamtpotenzial: 54 000 Arbeitsplätze in der Bundesverwaltung
- Anteilsquote des Pilots: 5,5 %-7 % der gesamten IT-Flotte
Der Bundesrat hat damit ein klares Projekt- und Zeitgerüst geschaffen, das die schrittweise Migration strukturiert und die Ausweitung auf die gesamte Verwaltung erst nach erfolgreicher Evaluation zulässt.
Pilotphase 2026-2027: Ziele und Zielgruppe
Im Jahr 2026 startete die Pilotphase, die zunächst 172 Beschäftigte der Schweizerischen Bundeskanzlei in einem ersten Praxistest mit openDesk ausstattete. Dieser Test bestätigte die Eignung der Plattform für E-Mail, Kalender, Dokumentenbearbeitung und Chat-Funktionen, während große Videokonferenzen noch Schwächen zeigten. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wird das Pilotprojekt nun auf 3 000 Rechner ausgedehnt.
Technischer Software-Stack von openDesk
openDesk kombiniert etablierte europäische Open-Source-Lösungen, um die Microsoft-Komponenten zu ersetzen. Die wichtigsten Module sind:
- Open-Xchange: E-Mail-, Kalender- und Kontaktverwaltung
- Nextcloud mit Collabora Online: Datei- und Dokumentenverwaltung sowie Online-Office-Funktionen
- Element (Matrix) und Jitsi: Chat- und Videokonferenzplattformen, die Microsoft Teams ersetzen sollen
Während die meisten Funktionen nahtlos funktionieren, zeigen sich bei Jitsi Grenzen bei der Skalierung großer Videokonferenzen. Dieser Umstand wird als einer der offenen Punkte für eine umfassende Umstellung genannt.
Rechtliche und sicherheitstechnische Treiber
Der Wechsel zu openDesk wird nicht nur aus Kostengründen, sondern vor allem wegen rechtlicher und sicherheitstechnischer Vorgaben vorangetrieben:
- US CLOUD Act: Verhindert, dass vertrauliche Bundesdaten in US-Cloud-Diensten verarbeitet werden dürfen.
- EMFAG (Gesetz über den Einsatz elektronischer Mittel für Behördenaufgaben): Verpflichtet zu "Public Money, Public Code" - also quelloffenen Lösungen für öffentliche Mittel.
- Parlamentarisches Sonderbudget: 9 Millionen CHF wurden speziell für den Aufbau einer Open-Source-Plattform bewilligt.
Diese Rahmenbedingungen geben dem Projekt nicht nur rechtliche Legitimation, sondern stärken die digitale Unabhängigkeit der Schweiz gegenüber ausländischen Gesetzgebungen.
Praktische Herausforderungen und Gegenargumente
Die Umsetzung des Umstiegs birgt mehrere Risiken, die im Projekt berücksichtigt werden müssen:
- Enge Integration bestehender Fachanwendungen: Viele Behördenanwendungen sind stark an das Microsoft-Ökosystem angebunden. Eine vollständige Migration erfordert umfangreiche Anpassungen oder Neuimplementierungen.
- Parallelbetrieb und Zusatzkosten: Während der Pilotphase laufen Microsoft 365 und openDesk parallel, was zu erhöhten Betriebskosten führt, bis die Migration abgeschlossen ist.
- Fehlende native Mobile-Apps: Im Vergleich zu Microsoft 365 fehlen bei openDesk derzeit umfassende native Apps für mobile Endgeräte, was die Nutzung unterwegs erschwert.
- Teams-Alternative noch fraglich: Große Videokonferenzen stellen nach aktuellem Stand noch ein technisches Hindernis dar.
Diese Punkte werden im Rahmen der Evaluation des Pilotprojekts systematisch geprüft, um geeignete Gegenmaßnahmen zu definieren.
FAQ zur openDesk-Migration
Was genau bedeutet openDesk?openDesk ist eine europäische Open-Source-Plattform, die Software wie Nextcloud, Collabora Online, Open-Xchange, Element und Jitsi zu einer Kollaborationsumgebung verbindet, die Microsoft-Produkten entspricht.Wann ist der Endtermin des Pilotprojekts für die 3 000 Nutzer?Die Bundeskanzlei hat Ende 2027 als Zielsetzung für die Fertigstellung des Pilotprojekts benannt.Warum ist das militärische Kommando Cyber schneller in der Umstellung?Weil militärische Daten besonders sensibel sind und gemäß US CLOUD Act durch Microsoft 365 gefährdet werden könnten, hat das Kommando die Migration bis Oktober 2026 abgeschlossen.Ausblick: Potenzial für die gesamte Bundesverwaltung
Erfolgt die Ausweitung des Pilotprojekts, könnte die Open-Source-Plattform openDesk auf alle 54 000 Arbeitsplätze der Schweizer Bundesverwaltung ausgerollt werden. Das entspricht einem potenziellen Umbau von rund sieben Prozent der bestehenden IT-Infrastruktur. Neben der Stärkung der digitalen Souveränität würde ein solcher Schritt auch langfristig zu geringeren Lizenzkosten und einer unabhängigen, auditierbaren Softwarelandschaft führen.
Fazit
Der schrittweise Umstieg der Schweizer Bundesverwaltung auf Open-Source-Lösungen ist ein strategisch bedeutsames Projekt, das sowohl rechtliche Vorgaben (US CLOUD Act, EMFAG) als auch technische und organisatorische Herausforderungen adressiert. Mit einem klar definierten Zeitplan bis Ende 2027, einem Budget von 9 Millionen CHF und einer Pilotphase, die bereits erste positive Ergebnisse liefert, legt die Regierung den Grundstein für eine weitgehend unabhängige digitale Infrastruktur. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die identifizierten Schwachstellen - insbesondere bei großen Videokonferenzen und der mobilen Nutzung - erfolgreich behoben werden können, bevor eine mögliche Ausweitung auf die gesamte Verwaltung erfolgt.
Weitere Trends
Performance- und Ressourcenvergleich: Windows 11 vs. Fedora Linux auf identischer Hardware
Ein aktueller Test von PhoneBuff hat gezeigt, dass Windows 11 und Fedora Linux bei alltäglichen und produktiven Aufgaben deutlich unterschiedliche...
Neue Betrugsmasche beim Kauf von Hochpreis-Grafikkarten auf Amazon Marketplace
Im Jahr 2026 haben sich mehrere Fälle gehäuft, in denen Käufer von teuren Grafikkarten über den Amazon Marketplace nicht die bestellte Hardware,...
PyGPT - Funktionsumfang, Architektur und Einsatzmöglichkeiten einer quelloffenen Desktop-KI-Anwendung
PyGPT ist eine kostenlose, quelloffene Desktop-KI-Anwendung, die als Schnittstelle für OpenAI-Modelle, Drittanbieter-APIs und vollständig lokale...